Weiche und harte Identitätspolitik

In der aktuellen Diskussion über Identitätspolitik passiert leider etwas, das in letzter Zeit viele Debatten kennzeichnet: Menschen reden aneinander vorbei, weil sie Begriffe benutzen, die sie jeweils unterschiedlich definieren oder interpretieren. Sie tun das aus mehreren Gründen: erstens, weil es unüblich ist, solche Definitionen bewusst vorzunehmen und zu deklarieren, zweitens, weil es sprachliche und kulturelle Übersetzungsprobleme gibt, wenn Themen von einem Land (meist den USA) in ein anderes (in diesem Fall Deutschland) diffundieren, und drittens, weil es von interessierter Seite eine bewusste Umdeutung von Begriffen gibt, um sie politisch zu instrumentalisieren und nutzbar zu machen. Besonders der letzte Grund ist fatal, weil immer mehr Menschen unreflektiert Formulierungen und Begriffe wie „alter weißer Mann“, „Privilegien“, „kulturelle Aneignung“ oder „Antirassismus“ übernehmen, ohne sich der Denkfehler und des ideologischen Ballasts bewusst zu sein, die sie damit ungewollt verbreiten und verstärken. Weil es wahlweise pointiert, schlau oder auch nur richtig klingt.

Die eskalierende Diskussion um Wolfgang Thierse und seinen FAZ-Beitrag zur Identitätspolitik bzw. um die Stellungnahme von Gesine Schwan in der SZ scheint dabei das Problem nicht zu klären, sondern noch zu verschärfen. Das fängt schon beim zentralen Begriff selbst an, weshalb ich meine Thesen zu dieser Debatte auch damit beginnen will:

0. Die wichtigste Unterscheidung vorweg: Ich unterscheide zwischen „weicher“ und „harter“ Identitätspolitik. Ich verwende den Begriff Identitätspolitik im Folgenden nicht im Sinne einer „weichen“ Identitätspolitik, die eigentlich nur ein modernes Label für klassische, gruppenbezogene Interessenpolitik von und für Minderheiten ist, sondern im Sinne einer „harten“ Identitätspolitik, wie sie von linken US-Vordenkern wie Ibram X. Kendi, Robin DiAngelo und Kimberlé Crenshaw prominent vertreten werden. Harte Identitätspolitik in diesem Sinne ist eine im Kern antidemokratische und quasireligiöse Ideologie (und unterscheidet sich darin kaum von rechter Identitätspolitik), und zwar hauptsächlich aus vier Gründen: erstens, weil sie individuelle Verantwortung für politisches und soziales Verhalten in „imagined communities“ auflöst, zweitens, weil sie zwanghaft Menschen in Täter und Opfer einteilt, und zwar auf Basis von unveränderlichen Merkmalen (und nicht auf Basis ihrer Werte, Meinungen oder ihres Verhaltens), drittens, weil sie damit implizit oder explizit die grundsätzliche Gleichheit aller Menschen leugnet (und insofern ein antiuniversalistisches Projekt ist), und viertens, weil sie die Kommunizierbarkeit unterschiedlicher Erfahrungen über Gruppengrenzen hinweg leugnet. (Gegenpositionen dazu werden unter anderem philosophisch vertreten von Paul Boghossian oder auch Markus Gabriel, sozialwissenschaftlich von Cornel West und Jonathan Haidt, politikwissenschaftlich von Mark Lilla und Francis Fukuyama).

1. „Antirassistische“ Identitätspolitik ist die Einführung des gruppenbezogenen Vorurteils als legitime Form in die öffentliche Debatte. Sie ist damit nicht nur ein direkter Angriff auf den demokratischen Diskurs, der zur Voraussetzung hat, dass eine Ansicht unabhängig von gesellschaftlicher Position, sexueller Orientierung, Hautfarbe, Herkunft oder Geschlecht wahr sein könnte, sondern auch ein direkter und expliziter Angriff auf die Grundposition Martin Luther Kings, für den „content of your character“ wichtiger ist und wichtiger sein soll als „color of your skin“.

2. Radikale Identitätspolitiker verurteilen freie Individuen zu einer philosophisch-ideologisch begründeten Sippenhaft. Kulturelle Bindungen und unveränderliche körperliche Merkmale sowie die Herkunft werden zu unhintergehbaren und alles bestimmenden Determinanten. In einer freien Gesellschaft müssen wir dagegen von der Arbeitshypothese ausgehen, dass Werte sowie Haltungen, Zugehörigkeiten und Identitäten frei gewählt werden können.

3. Identitätspolitik macht jeden Menschen zum ungewählten und oft unfreiwilligen Repräsentanten einer fast beliebig zu definierenden gesellschaftlichen Gruppe. Weil seine Gruppenzugehörigkeit von außen (meist anhand unveränderlicher Merkmale) zugeschrieben wird, deckt sie die Möglichkeit von Individualität im Denken, Sprechen und Handeln zu und entwertet jegliche individuelle Abweichung von angeblich „richtigem“ oder (auf Basis seiner Gruppenzugehörigkeit) zu erwartendem Verhalten als Störung, die sofort und eindimensional entlang von Macht- und Hierarchiekriterien einsortiert und damit inhaltlich neutralisiert bzw. disqualifiziert wird.

4. Identitätspolitik macht jeden Nachteil automatisch zu einer Benachteiligung, weil sie jeden Teil des Lebens politisiert und in Macht- und Ohnmachtskategorien bzw. auf einer Machtskala darstellt. Nachteile zu haben führt schnell dazu, sich benachteiligt zu fühlen. Von diesem Gefühl zur Gewissheit, dass man bewusst benachteiligt wird, ist es nur ein kleiner Schritt.

5. Vulgäre Identitätspolitik begnügt sich mit einer binären Machtkategorie (unterdrückt / unterdrückend), die aber an der Vielfalt der realen Gruppenzugehörigkeiten scheitert. Deshalb musste „Intersektionalität“ als Begriff eingeführt werden, um das Modell zu differenzieren. Intersektionalität, bis an ihr logisches Ende gedacht, wird allerdings wieder zur Individualität, weil jedes Individuum gleichzeitig vielen „unterdrückten“ wie „unterdrückenden“ Gruppen angehört und am Ende nicht nur einzigartig ist, sondern auch nicht durch seine jeweiligen Gruppenzugehörigkeiten hinreichend definiert werden kann.

6. Die Disqualifizierung einer Meinung dadurch, dass man jemanden als alten, weißen Mann bezeichnet, ist selbst altersdiskriminierend, rassistisch und sexistisch. Außerdem kann keiner der radikalen Identitätspolitiker beweisen, dass Wolfgang Thierse, ganz tief drinnen, nicht doch eine schwarze, behinderte, nicht-binäre Lesbe ist. (Dieser Satz ist völlig ernst gemeint, denn er nimmt – nur mal zum Spaß – die Position identitätspolitisch motivierter Transaktivisten ernst, dass gender identity eine Kategorie ist, die völlig unabhängig von objektiven Kriterien wie biologischen Determinanten oder gar vom äußeren Erscheinungsbild existiert.)

7. Jemandem Privilegien vorzuwerfen bedeutet, ihm anzulasten, dass er andere Probleme hat als man selber. Es bedeutet, jemandem vorzuwerfen, dass er (angeblich) nicht diskriminiert wird – als ob ihn das automatisch zum Profiteur von Diskriminierung machen würde. Es bedeutet, ihm vorzuwerfen, dass jemand aus seiner sozialen Gruppe jemanden Dritten, der nicht zu seiner sozialen Gruppe gehört, diskriminiert. Jemandem Privilegien vorzuwerfen ist eine komplizierte Art, die folgende Haltung auszudrücken: „Die Welt ist ungerecht, und du bist schuld daran, weil du ein Mann / alt / weiß / hetero / nichtbehindert bist.“

8. „Antirassistische“ Identitätspolitik mobilisiert rassistische Kriterien, um Rassismus zu bekämpfen. Umgekehrter Rassismus führt aber nicht zu weniger Rassismus, sondern zu mehr Rassismus, und zementiert die Verhältnisse, die er aufzulösen versucht. Radikale Identitätspolitiker können Individuen nicht mehr unabhängig von Gruppen und ihren unveränderlichen Merkmalen denken, deshalb wird jeder Versuch einer sachlichen Kommunikation über reale Probleme als ein Akt interpretiert, die herrschenden Unterdrückungsverhältnisse zu verschleiern, zu manifestieren oder zu zementieren. Damit zerstören sie die Grundlage einer demokratischen Gesellschaft.

A new start: From connecting dots to connecting people

After a decent break I will refresh this blog with a new approach. You might have noticed that its long-term subtitle has changed – from „on business and politics of intelligence“ to „systemic views on conflicting realities“. This reflects a shift in my professional life which had been focused mainly on research and analysis in competitive intelligence, over time moving from an operative or tactical level into a more strategic direction – the bigger picture. Now it’s time for a next step.

I was in the business of connecting the dots. After fifteen years in competitive intelligence I can say that making assessments on current and future events is the easy part. The real trouble starts when you are convinced that your clients need to challenge their assumptions on a regular basis, need to change traditional ways and means, need to overcome current business models, convictions, paradigms, or even worldviews.

My quintessence from fifteen years in competitive intelligence is: If you want to be relevant, you have to show your clients what they don’t see and tell them what they don’t want to hear. They won’t like it. They will ignore you. They will deny that changes are necessary. Until reality strikes back, usually shortly after it’s too late for smooth transitions. 

As an insider, being a little part in the large machinery of a big corporation, or even as an external consultant you might be able to compile hard data to provide a fulcrum – but your lever is hardly long enough to move the worldview of an entire organization. Very often you just provide the fig leaf that covers the real motives of a change in direction.

No matter how excellent your insights might be – if you’re not able to recognize the assumptions of your clients, and address hot topics in a language that leads people to accept suggestions and solutions, your job will never be finished. Unfortunately – or fortunately – you can’t enforce a change of convictions, you can only try to evoke it.

Which brings me to my next project: Changing convictions in concrete conflicts, finding sustainable solutions, turning zero-sum games into win-win situations. In short: learning how mediation works to connect people. For me, this seems to be the next logical step in a career that started with political science (the analysis of competing realities) and went on to public relations (construction of realities), competitive intelligence (deconstruction of realities) and finally, mediation (helping to find a common ground in conflicting realities).

Trust in your ability to provide actionable insight seems to be the major motivation for clients to choose an intelligence advisory. In mediation, it’s more a mix of desperation, a fear of legal costs, and the silent hope that a sustainable solution might be possible. Which, I have to admit it, is a much more comfortable position to start with…

 

Competitive Intelligence books

As a CI analyst and researcher, I am a dwarf on the shoulders of giants – and meeting those giants at conferences, listening to their latest real-world examples, and reading their books are three of the main sources when you want to stay up-to-date in a discipline (apart from the usual subscription of RSS feeds of CI-related blogs).


Let me list some of my favourite readings – some of them are classics of CI literature, some of them provide helpful insights from adjacent areas like consulting, government intelligence, business strategy, and management theory. I have referred to some of these contents in my own book on Competitive Intelligence which was published in German language by Cornelsen in 2006.

One classic and a reference for all who want to master the human intelligence part of CI is „Confidential“ by John Nolan, which I was happy to get a copy very soon after I discovered the discipline in the first place. I strongly recommend it – all about elicitation techniques, practical guidelines, ethical boundaries, and various lessons from the trenches of intelligence collection at its best.

Richards J. Heuer Jr. and Randolph H. Pherson have written a handbook on „Structured Analytical Techniques for Intelligence Analysis“ which covers intelligence analysis from a government intel point of view, but it is highly readable and useful also for competitive intelligence practitioners. They not only describe numerous techniques, featuring scenario analysis or the analysis of competing hypotheses (just to pick up two examples) in a very structured way but they also refer to practical problems during the process of collection and analysis. No wonder: Richards Heuer is author of the ground-breaking „Psychology of Intelligence Analysis“, another must-read for every analyst in the intelligence community.

NSA-Dokumente aus erster Hand

icontherecordGestern hat die US-Regierung hat eine neue Website unter http://icontherecord.tumblr.com/ online gestellt, auf der das Büro des Director of National Intelligence unter anderem Stellungnahmen abgibt sowie ehemals geheime oder vertrauliche Dokumente (teilweise geschwärzt) publiziert. Die Seite wurde von Präsident Obama in einer Pressekonferenz am 9. August angekündigt und soll ganz offensichtlich der Beruhigung der Gemüter in Bezug auf die NSA-Affäre dienen:

… the goal of IC ON THE RECORD is to provide the public with direct access to factual information related to the lawful foreign surveillance activities carried out by the Intelligence Community…

The highest priority of the Intelligence Community is to work within the constraints of law to collect, analyze and understand information related to potential threats to our national security.

As we work to deliver the most insightful intelligence possible, we must and will, without compromise, uphold the rule of law and respect the civil liberties and privacy of every American.

Es geht – wohlgemerkt – um die Privatsphäre jedes Amerikaners. Diese Unterscheidung wird detailliert in einem der bereits veröffentlichten Dokumente („Minimization Procedures“) ausgeführt. Der Abschnitt, der uns im Rest der Welt betrifft, ist sehr kurz – unter der Überschrift „Section 7 – Other foreign communications“ steht dort: „Foreign communications of or concerning a non-United States person may be retained, used and disseminated in any form in accordance with other applicable law, regulation, and policy.“

Im Kontext dieses Dokumentes heißt das: De jure genießen US-Bürger einen gewissen Schutz ihrer privaten Kommunikation, der dazu führt, dass nur in begründeten Ausnahmefällen diese Kommunikation gespeichert, analysiert und weitergeleitet werden darf – für Menschen aus allen anderen Ländern gilt dieser Schutz eben nicht. Keine Überraschung, aber doch nett, es nochmals so amtlich bestätigt zu bekommen.

Vom öffentlichen Umgang mit Intelligence Reports

unwissen In den letzten Tagen kam ein wenig Verwirrung über die US-amerikanische Einschätzung des Atomwaffenpotenzials der Nordkoreaner auf, nachdem ein amerikanischer Kongressabgeordneter aus einem geheimen Report der DIA zitiert hatte, einem der militärischen Nachrichtendienste der USA. Dort hieß es laut Welt Online angeblich, dass „Nordkorea eine solche Waffe [eine ballistische Rakete mit einem Atomsprengkopf] abfeuern könnte, diese aber noch unzuverlässig sei“.

Leider hat dieser Satz die klassische Karriere einer Meldung aus dem nachrichtendienstlichen Umfeld hinter sich. Denn erstens wurde das Originalzitat aus dem Zusammenhang gerissen – wenn ein Politiker einen einzigen Satz aus einem ansonsten als „Geheim“ eingestuften Bericht erwähnt, ist das für sich genommen schon schwierig. Zweitens werden in diesem einen Satz definierte Fachbegriffe genutzt, deren Definitionen einem Laien als solche nicht bekannt sind – sie werden nicht einmal als Fachbegriffe erkannt. Drittens wird der Satz, der schon per se nicht richtig verstanden wurde, dann auch noch als Beweis für „Uneinigkeit“ verschiedener US-Geheimdienste interpretiert. Und viertens wird er journalistisch verkürzt und zugespitzt, damit’s auch mit der Überschrift klappt. Am Ende titelt die WELT Online: „Das gefährliche Unwissen über Nordkoreas Atomrakete“ und leitet den Artikel ein mit dem Satz „Laut US-Militärgeheimdienst DIA verfügt Pjöngjang über raketentaugliche Nuklearsprengköpfe“.

Danwpnukeskenswerterweise hat Max Fisher in der Washington Post den Satz wieder in den richtigen Kontext gerückt und dabei in einem lesenswerten Artikel akribisch aufgedröselt. Im Original lautet er: „D.I.A. assesses with moderate confidence the North currently has nuclear weapons capable of delivery by ballistic missiles; however the reliability will be low“ – und sagt nichts darüber aus, ob sich die fehlende Verlässlichkeit auf die Rakete oder den Sprengkopf bezieht, und schon gar nichts darüber, ob diese Vermutung eine Veränderung gegenüber der Vergangenheit darstellt. Bereits vor etwa acht Jahren wurde ein ähnlicher Satz als Einschätzung bekannt – ohne dass er in der Zwischenzeit verifiziert werden konnte. Außerdem wird diese Einschätzung offenbar nicht in der gesamten intelligence community geteilt, was die Distanzierung durch den US-Außenminister und auch durch das Pentagon erklären kann. Möglicherweise will man aber auch einer Fehlinterpretation zuvorkommen.

HIlfreich ist es in diesem Zusammenhang auch, sich bewusst zu machen, dass „moderate confidence“ mitnichten so dahingeschrieben ist, sondern Teil einer Nomenklatur ist, die es dem ausgewählten Zielpublikum von intelligence reports ermöglichen soll, den Grad der Sicherheit einer Aussage zu bestimmen. Wer Spaß daran hat, in die Materie einzusteigen, kann dies anhand eines Essays von Sherman Kent tun, der unter dem Titel Words of Estimative Probability nicht nur die linguistischen, sondern auch die soziologischen und psychologischen Probleme auffächert, die sich ergeben, wenn man versucht, einen in Entstehung befindlichen Pudding (sprich: eine aus verschiedenen, unterschiedlich zu bewertenden Quellen zusammengesetzte Einschätzung zukünftigen Verhaltens auf Geheimhaltung ausgerichteter Akteure) so an die Wand zu nageln, dass er als Zielscheibe konkreten politischen Handelns dienen kann.